7. Juli 2016

From zero to HERO: Wenn Trailrunner fremdgehen

Der HERO in den Dolomiten gilt als eines der härtesten und zugleich landschaftlich schönsten Mountainbike-Rennen der Welt. Unser Autor, bekennender Trailrunner, mischt sich für seinen ersten Bikewettkampf unter die rund 4000 Teilnehmer der 60 km-Strecke – und wundert sich über so manche Eigenarten der Radler.

Material-Show-Off vor dem Start: Biker mögen es blitzeblank

Harald Wisthaler - wisthaler.com

Für den GORE-TEX® Transalpine-Run, einen mehrtägigen Trailrun-Wettbewerb über die Alpen, haben wir vor einigen Jahren eine spezielle Schuhputz-Maschine gebaut, damit sich die Läufer nach einer Etappe den Schlamm von den Schuhen schrubben konnten. Allerdings nutzten die meisten Teilnehmer das Hightech-Gerät eher, um Waden und Füße vom gröbsten Dreck zu befreien und nebenbei zu kühlen … Trailrunner nehmen es mit der Hygiene ihres liebsten Ausrüstungs-Teils eben nicht so genau. Um so überraschter bin ich, als ich am Vortag des HERO in Wolkenstein im Grödner Tal ankomme: Direkt gegenüber der Registrierung befindet sich die Waschstation für Bikes. Und die wird fleißig genutzt – wohlgemerkt: VOR dem Rennen! Unter Hochdruck werden auch die letzten Staubspuren weggespült, anschließend poliert und gewienert, als müssten die Bikes auf einem Laufsteg in schönstem Glanze erstrahlen. Und es hat tatsächlich etwas von Schaulaufen, als die Biker mit ihren Nobelmaschinen durch den Ort cruisen, kritisch beäugt von der nicht minder gut ausgestatten Konkurrenz.

Im Schutze der Dämmerung fahre ich zur Waschstation und bringe mein Fully in einen halbwegs starttauglichen Look.

Vor ein paar Wochen brachte ich mein Bike zu meinem Fahrradhändler, der alljährliche Service stand an. „Kannst du dein Fahrrad das nächste Mal bitte putzen bevor du es mir bringst?“ Aber das hatte ich doch getan! Nun ja, meine Definition von „sauber“ scheint nicht deckungsgleich mit seiner zu sein. Auf jeden Fall fühle ich mich ob der Edelbike-Parade doch etwas unwohl und fahre dann, im Schutze der Dämmerung, zur Waschstation und bringe mein Fully in einen halbwegs starttauglichen Look.
Was mir noch auffällt vor dem Rennen: Trailrunner sind vor einem Ultralauf in der Regel eine Weile mit der Packerei ihres Rucksacks beschäftigt: Jacke, Rettungsdecke, Riegel, Mütze, Handschuhe, Stirnlampe, Signal-Pfeife, Salztabletten … Die Liste ist lang, auch weil die Regularien für die Pflichtausrüstung oft (und zurecht) streng sind. Nicht so beim HERO: außer Personalausweis, Fahrradhelm und Flickzeug wird hier nichts verlangt oder gar vorab kontrolliert. Verständlich: Ultratrailläufe dauern einfach viel länger, mitunter nachts und durchs Hochgebirge. Einsame Passagen sind da vorprogrammiert. Der HERO hingegen ist sehr gut abgesichert, Zugänge für Rettungskräfte sind zahlreich – und wurden übrigens auch mehrfach genutzt, wie sich im Laufe des Rennens herausstellen sollte.

Das Rennen beginnt verbissen: Don’t touch, don’t talk

Harald Wisthaler - wisthaler.com

Der Start der Elite erfolgt um 7:20, ich bin mit meinem Startblock etwa 1 Stunde später dran. Diese „Blockabfertigung“ ist perfekt organisiert und macht bei über 4000 Teilnehmern auch durchaus Sinn, sonst würde man sich zu schnell ins Gehege kommen. Los geht`s, und wie: „Der Weg trödelt nicht“ würde ein Freund sagen als es direkt nach dem Start in den ersten Anstieg mit rund 700 Höhenmetern geht. Runterschalten, Rhythmus finden, kurbeln.

Als der touchierte Biker absteigen muss, ergießt sich eine Schimpftirade sondergleichen über mich.

Es ist auffällig ruhig. Kein Getuschel, kein Gequatsche, jeder scheint sich nur aufs Radeln zu konzentrieren – und darauf, bei niemandem anzuecken. Als mir das doch bei einem kleinen Wackler passiert und der touchierte Biker absteigen muss, ergießt sich eine italienische Schimpftirade sondergleichen über mich. Ich erschrecke richtig ob dieses emotionalen Wut-Ausbruches, als hätte ich dem Mann beim finalen Zielsprint die Vorfahrt genommen. Ohne weitere Vorkommnisse erreiche ich die erste Passhöhe, senke meine Sattelstütze ab und rolle flott bergab, zunächst auf einem rumpeligen Karrenweg, der dann in einen schmalen, aber technisch einfachen Single Trail übergeht – ein Heidenspaß! Erst an einer schwierigen Engstelle werde ich jäh gestoppt. Stau! Bei den Trailrunnern hat sich normalerweise nach dem ersten Anstieg die Spreu vom Weizen getrennt, so dass die Downhills meistens ungestört in Angriff genommen werden können. Das ist beim HERO anders – zumindest in meiner Leistungsklasse – aber angesichts der Menge an Bikern auch kaum zu vermeiden. Die meisten bleiben geduldig und reihen sich ein, ein paar Vordrängler sind allerdings auch nicht zu vermeiden, begleitet von lauten Flüchen und Beschimpfungen.

Mittendrin im Bikerace: gelöste Stimmung und einmal Vollwäsche bitte

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Zweite Beobachtung während des Rennens: Die Ausrüstung sagt gar nichts über den Leistungsstand und das Fahrkönnen aus. So genüsslich ich an so manchem Bergfloh mit rasierten Beinen, gebräunten Stahlwaden und Nobel-Carbonflitzern vorbeikurbele, so locker lassen mich andere in ihren 80er Hardtails und Tourenrucksack bergauf wie bergab einfach stehen. Ich fühle mich gar nicht mehr so sehr als Exot mit meinen fetten (und schweren, dafür sehr griffigen) Five Ten-Schuhen oder meiner absenkbaren Sattelstütze: hier sind doch mehr normale Mountainbiker unterwegs als auf der ersten Blick zu erwarten war.

Natürlich werden die Räder auch während des Rennens geputzt, an zwei Verpflegungspunkten!

Auch verflüchtigt sich das anfängliche Gefühl, dass Biker mit größerem Ego ausgestattet sind und eher mal die Ellbogen ausfahren, mit zunehmender Dauer des Rennes. Da wird schnell mal Platz gemacht, steht man im Stau an einem üblen Matsch-Downhill so sehe ich mehr und mehr lachende Gesichter. Es wird gescherzt und sich auch gegenseitig geholfen wenn einer mal im Graben liegt. Ach ja: und natürlich werden die Räder auch während des Rennens geputzt, an zwei Verpflegungspunkten! Und diesen Service weiß ich nun durchaus zu schätzen! Aber nicht aus ästhetischen Gründen: Durch die matschigen Downhills sind die Bikes so vollgeschlammt, dass man beim nächsten Anstieg unweigerlich gut 1 Kilo mehr mit sich rumschleppen würde.
Aber auch ohne diese Schlammpackung gehen mir am letzten Anstieg die Körner aus. Dabei kommt mir allerdings meine Trailrunner-DNA zu Gute: Ich kann flott bergauflaufen! Und so mache ich noch einige Plätze wett und habe beim finalen, extrem rutschigen Downhill im dann auseinander gezogenen Feld viel Platz zum „runtereiern”.

Nach dem Rennen: Bier, Pasta und eine Extraportion Glamour

Waren unterwegs auf der Strecke eher wenige Zuschauer zugegen, so sind es bei der verregneten Zieleinfahrt in Wolkenstein umso mehr, die genüsslich den dreckigen Bikern zujubeln, bevor diese, nach einem kurzen Finisher Bier, verschwinden – natürlich zur Waschstation … Und die abendliche Pasta-Party, gefolgt von einer pompösen Siegerehrung, präsentiert von einem Moderator in rotem! Anzug und einer Dame im langen schwarzen Abendkleid untermauern den glamourösen Anstrich des HERO.
Fazit: Der HERO ist ein perfekt organisiertes Mountainbike Rennen durch eine der großartigsten Naturlandschaften der Welt, den Dolomiten. Mein Eindruck: Mountainbiker Marathonfahrer scheinen fokussierter auf den Wettkampf an sich, Trailrunner genießen das Drumherum und das Erlebnis in den Bergen mehr – beides hat Charme. Vielleicht fahre ich nächstes Jahr doch die 86 km-Strecke, um ein echter HERO zu sein … Übrigens: Daniel Jung, aktuell als GORE RUNNING WEAR® Athlet sehr erfolgreich auf diversen Trailwettkämpfen unterwegs, ging den umgekehrten Weg: Er hatte den HERO vor einigen Jahren gewonnen.

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