29. September 2016

Bekenntnisse eines Rikschafahrers

Wiesnzeit ist Rikschazeit, auch für Rafael. Er plaudert aus dem Nähkästchen und verrät (fast) alles, was du schon immer über Fahrradrikschas wissen wolltest. Mit dabei: Flughafen, Lederhosengeld und Fischsemmeln.

Es ist wieder Wiesnzeit – für viele die fünfte Jahreszeit in München. Wenn ab Anfang Juli die Zelte, Fahrgeschäfte und Buden langsam aufgebaut werden, macht sich in der Stadt eine ganz spezielle Vorfreude und Spannung breit, die sonst nur mit der Weihnachtszeit vergleichbar ist. Bis dann das altbekannte „Willkommen“-Schild am Eingang steht, der große Organismus beginnt, sich zu bewegen, zu leuchten und zu rattern. Diese Zeit ist auch für mich etwas ganz Besonderes, denn wie jedes Jahr fahre ich in dieser Zeit mit meiner Rikscha.

Wiesn Ready-1

Wenn du in den letzten Jahren nicht (oder sogar noch nie) auf dem Oktoberfest warst, sei gesagt: Wir Rikschafahrer fahren natürlich nicht auf der Wiesn (wobei, früher war alles besser, weißt du noch, als wir…). Nein, wir warten am Ausgang und bringen die Besucher von hier zum Bahnhof, in die nächste Kneipe oder zurück ins Hotel oder Hostel – wenn sie denn wissen, wie es heißt, oder vielleicht die Adresse kennen. Und übrigens: Ja, die „Einbahnstraße“ gibt es öfter in dieser Stadt!

In den Tagen vor dem Anstich fühle auch ich irgendwas zwischen Anspannung, Freude und Widerwillen, denn ich weiß: Auf mich warten die härtesten, aber auch lustigsten zwei Wochen des Jahres.

Was braucht man als Rikschafahrer beim Oktoberfest?

Rafael erwartet die ersten Rikscha-Gäste.

 

Keine Angst, ich werde dich nicht langweilen mit der „Ausnahmegenehmigung vom Verbot der Mitnahme von Personen auf Fahrrädern“ oder mit technischen Gutachten und Betriebserlaubnis!

Neben einer Rikscha, die man mieten oder kaufen kann (oder selbst bauen, wenn man mit einem Schweißgerät umgehen kann), sollte man sich gut in der Stadt auskennen. Ich kenne die meisten Hotels in München, viele Kneipen und das dazugehörige Publikum, ich weiß auch, wo die nächste Snackbude ist, und wo es guten Döner gibt. Die Lokale, die nur von Männern frequentiert werden, kenne ich auch. Ich weiß, welches „das Hostel am Hauptbahnhof mit den grünen Buchstaben“ ist. Neben der Ortskenntnis braucht man viel Zeit. Weil das Geschäft oft schwer vorhersehbar ist, geht Geld verdienen nur, wenn ich lang fahre. Also heißt es: Möglichst viele Stunden draußen sein und auf mein Glück hoffen. Ach ja, und viel Freude am Radfahren natürlich, denn Rikschafahren ist verdammt anstrengend.

Verschiedene Temperaturen, richtige Ausrüstung

Wiesn Panorama
Der ganz normale Wiesn-Wahnsinn – und zahlreiche potentielle Rikscha-Gäste.

Schon aus Kurierzeiten weiß ich, viele Stunden auf der Straße sind nur mit den richtigen Klamotten möglich. Doch die äußeren Bedingungen sind auf der Rikscha oft extremer: Tagsüber hat es bei Sonne mitunter 25 Grad, nachts wird es richtig frisch, unter 10 Grad. Manchmal bin ich mehrere Stunden fast ununterbrochen in Bewegung und komme richtig ins Schwitzen, dann wieder stehe ich zwei, drei Stunden ohne Fahrgast und muss zusehen, dass ich nicht auskühle. Gerne kommt es auch genau in dieser Reihenfolge. Für den Oberkörper geht mir deshalb nichts über mein WINDSTOPPER® Softshell, das mich warm und trocken hält! Natürlich nicht ohne ein Unterhemd und nach Bedarf eine Zwischenschicht, beide übrigens immer aus echtem Funktionsmaterial. Die beste Membran nützt nichts, wenn darunter ein Baumwollshirt den Schweiß aufsaugt wie ein Schwamm.

Das lange Sitzen geht nur gut mit Radhosen, dazu trage ich meistens Beinlinge. Sie sind die Geheimwaffe, sobald es etwas kühler wird und ich in Bewegung bin – eins meiner Lieblingsstücke überhaupt bei jeder Art von Radfahren. Ich habe übrigens auch immer leichte Radhandschuhe an, für die Rikscha nicht wegen der Lenkerkontrolle, sondern weil man den High Five nach einer schönen Fahrt erwidern muss und ich nur ahnen kann, was meine Fahrgäste vorher alles in der Hand hatten. Dazu habe ich noch ein Paar warme Handschuhe für die ganz kalten Stunden dabei. Kopfbedeckungen für verschiedene Temperaturen, und wenn es warm ist, brauche ich das Race-Käppi, damit die Interessenten sehen, dass ich schneller bin als die Kollegen!

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Rikscha-Basics für warme und kalte Stunden in München

Was fehlt noch? Eine Regenkombi, komplett aus wasserdichten Überschuhen, Regenhose, Regenjacke und Handschuhen. Die passt locker in den Stauraum unter dem Sitz der Fahrgäste. In dieser Schatztruhe finden sich des Weiteren: Ersatzschläuche, Flickzeug und Standpumpe, Taschenlampe, Batterien, Nudelsalat und Powerriegel, mehrere Flaschen Wasser, sowie Geschenke von besonders zufriedenen Fahrgästen: Plastikrosen, gebrannte Mandeln und die gelegentliche Magnumflasche Champagner (natürlich schon leer).

Lange Tage, undeutliche Aussprache

Wiesn Bär
Warum schmeckt meine Fischsemmel so langweilig? Weil das dein Handy ist. An der Fischsemmel-App arbeiten sie noch.

Wie sieht mein Arbeitstag aus? Nach dem Aufstehen gegen Mittag erstmal zu Kräften kommen: Etwas dehnen, Kaffee, Müsli, noch mehr Kaffee, und schon bin ich in der Lage, mir eine Pasta zu kochen! Dann noch schnell einen Kaffee, und gegen 15 Uhr fahre ich los. Die Arbeit nachmittags ist meistens recht entspannt, ich fahre viele Familien und Menschen auf dem Hinweg, das heißt, fast alle sind sehr nüchtern und leicht im Umgang. In späteren Stunden werden die Gäste betrunkener, ab ca. 22 Uhr geht es richtig los, wenn die Zelte und etwas später auch die Fahrgeschäfte schließen. Unter Rikschafahrern nennen wir das den „Run“. Massen von Menschen ergießen sich auf die Straßen, alle wollen irgendwohin. Also muss ich schnell sein, dieser Menschenstrom dauert vielleicht eine Stunde, am Wochenende auch mal zwei.

An dieser Stelle kommt das Handwerkszeug zum Einsatz, das man nicht kaufen kann: Sprachkenntnisse, nicht nur Englisch, Italienisch und Spanisch, sondern auch Bayerisch, unbedingt auch mit undeutlicher und feuchter Aussprache. Außerdem ist ein gutes Händchen beim Verhandeln gefordert, denn wie die Kollegen habe ich Basispreise, die nach Angebot, Nachfrage und Freundlichkeit der Fahrgäste variieren können. Ich versuche, eine schnelle und heitere Antwort auf alle möglichen Fragen und Bemerkungen parat zu haben, die die Gesprächspartner bei Laune halten. Auch bei schwierigen Zeitgenossen bleibe ich geduldig, freundlich und bestimmt.

In den späteren Abendstunden, etwa von Mitternacht bis drei Uhr, wollen die Motivierten noch in die Clubs der Innenstadt. Ein Plus, wenn ich weiß, welche Disco bei den Bayern-Spielern gerade angesagt ist. Wenn es schließlich hier auch ruhiger wird, hoffe ich noch, eine „Heimfahrt“ in meine Richtung zu bekommen, und gönne mir daheim ein Feierabendbier.

So, jetzt alles klar – noch nicht ganz? Hier habe ich dir die häufigsten Antworten auf Fragen und Kommentare zusammengestellt:

Du bist sicher Student, oder?
Gut kombiniert, Watson! Das war ich auch mal, aber schon lange nicht mehr.

Ist das nicht anstrengend?
Normalerweise schon, besonders wenn es bergauf geht. Aber mit zwei so leichten Fahrgästen wie euch geht es ganz leicht!

WANMAHINOBADRRRPPFFFT?
Wie bitte?

Du bist ja teurer als ein Taxi! Warum sollte ich mit dir fahren?
Stimmt, das bin ich. Und es ist teurer, weil es für mich anstrengender ist, und es dir mehr Spaß macht! Und um diese Uhrzeit bin ich sogar schneller als das Taxi.

Wieviel verdienst du denn über das ganze Oktoberfest?
Mit ein bisschen Glück, wenn das Wetter gut ist und ich mich nicht erkälte, komme ich schon auf ca. <HUST> Euro. 

Du hast bestimmt stramme Wadln!
Bestimmt.

Darf ich die mal anfassen?
Nein.

Och. Wirklich nicht?
Das kommt aufs Trinkgeld an.

Fährst du auch, wenn nicht Oktoberfest ist?
Viele Kollegen schon, die machen dann aber mehr Stadtrundfahrten. Viele sind … genau. Studenten.

Fährst du mich auch zum Flughafen?
Nein, aber ich fahre dich gern zum Hauptbahnhof, da kannst du direkt in den Flughafen einsteigen.

Fährst du mich auch nach Berlin?
Bezahlst du das? Nee? Siehste.

Fährst du mich auch gratis?
Ich habe tatsächlich schon oft Leute kostenlos gefahren. Wir Rikschafahrer nennen das Karmafahrt, weil man netten Menschen damit etwas Gutes tut, das vielleicht irgendwann zurückkommt. Aber das waren immer Leute, die nicht so direkt darum gebeten haben. Also: Eher nicht.

Nimmst du auch den zusammengeknüllten, feuchten Zwanziger mit Fußabdruck?
Natürlich. In der Fachsprache heißt das „Lederhosengeld“.

Darf ich auch mal probieren, deine Rikscha zu fahren?
Vielleicht, wenn du echt nüchtern b… Nein.

Kann ich wenigstens mal hupen?
Klar. ____________So, jetzt ist es genug, oder?

Fährst du mich wohin, wo man Mädels kennenlernen kann?
Ich darf leider nicht in die Bierzelte fahren.

Wie viel wiegt denn die Rikscha so?
Die Rikscha 80 kg, Ausrüstung 20 kg, ich 80 kg, plus ihr zwei… zusammen 300-400 kg.

Gehst du eigentlich selber auch mal auf die Wiesn?
Klar! Mindestens zweimal!

Was war das krasseste, das dir beim Rikschafahren passiert ist?
<BEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEP>. Das war zwar ein lukratives Angebot, aber – nein, danke!

Wo ist mein Hotel?
Das weiß ich leider auch nicht, wenn du den Namen nicht kennst.

Fährst du … WWRRRHGGG!
Igitt.

Was war das weiteste, was du jemals gefahren bist?
Bis nach Erding, das ist kurz vor dem Münchner Flughafen (ca. 35 km), drei Stunden haben wir dorthin gebraucht. Und ja, die beiden haben das gern bezahlt und hatten eine richtige Gaudi. Ich musste allerdings dann Feierabend machen.

Was war das Lustigste, das dir beim Rikschafahren passiert ist?
Die Wiesnbesucher stellen hier praktisch täglich neue Rekorde auf, vor allem bei ihren Versuchen, den schier unüberwindlichen Randstein direkt neben dem Rikscha-Standplatz zu bezwingen. Daher der Fachausdruck „Stunt-Stein“.

In diesem Sinne, Ride On und Prost!
Rafael


Meine Favoriten auf der Rikscha:

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