23. November 2017

Schau mir in die Adern Kleiner!

Der finnische Hersteller Polar geht bei der optischen Herzfrequenzmessung neue Wege. Das innovative OH1 Sensor-Konzept soll Genauigkeit und Einsatzspektrum der Technologie nochmals deutlich verbessern.

30. Oktober 2011 – Frankfurt Marathon – Kilometer 17: Fatal System Failure!

Der Brustgurt meiner Pulsuhr ist Richtung Bauchnabel gerutscht. Beim Versuch den Gurt bei voller Geschwindigkeit wieder richtig zu positionieren öffnet er sich und ist futsch und mit ihm jeglicher Flow! Ohne die gewohnte Pulsangabe mache ich mich vollends verrückt ob ich nun überpace, oder doch nicht am Limit laufe. Monatelanges Training, Topform und berechtigte Bestzeithoffnungen: Umsonst! Mit diesem Desaster war das vorläufige Ende meines herzfrequenzgesteuerten Trainings besiegelt.

„Rising-Star“ mit Kinderkrankheiten

Erst als GPS-Uhren mit integrierter optischer Herzfrequenzmessung auf den Markt kommen ist mein Interesse wieder geweckt – das Risiko beim nächsten Marathon meine Uhr zu verlieren erscheint mir vertretbar gering. Nach einem regelrechten Hype um die neue Technologie, führten Kinderkrankheiten der ersten Sensor-Generationen allerdings schnell zur Ernüchterung vieler User. Mir ging es nicht anders. Die Pulsmessung meines ersten Gerätes reagierte extrem träge bei Belastungswechseln und äußerst empfindlich auf diverse Umgebungseinflüsse, insbesondere auf tiefe Temperaturen und Nässe. Die erhoffte Königslösung zur Pulsmessung ohne den lästigen Brustgurt war damit sicher nicht gefunden.

Von der Brust über die Hand an den Arm – Polars neuer OH1 Sensor

Umso neugieriger bin ich als das Chatfenster meines Mailprogrammes aufpoppt und Pascal, ein Kollege aus unserer Marketing-Abteilung, wissen will, ob ich nicht Bock habe ein brandneues Teil aus dem Hause Polar zu testen. Naja, eigentlich ist es nicht wirklich eine Frage, eher ein Angebot. Also her damit! Gut zwei Wochen später drückt Pascal mir den optischen Pulssensor Polar OH1 in die Hände.
Mit dem OH1-Sensor trennen die Finnen von Polar die optische Herzfrequenzmessung wieder von der Uhr und verlegen den Sensor zurück in einen externen Gurt. Der wird aber nicht über der Brust getragen, sondern wahlweise an Ober- oder Unterarm. Polar stattet den OH1 zudem mit einem Sensor aus der über sechs Leuchtdioden verfügt und damit über doppelt so viele, wie die mir bisher bekannten Sensoren der Konkurrenzmodelle aus dem Hause Garmin oder Suunto. Das soll die Genauigkeit der Messung nochmals deutlich verbessern.
Der Sensor hat etwa die Größe einer Euromünze und ist an einem flexiblen Armband befestigt, dessen Weite nach Bedarf angepasst werden kann. Der OH1 kann „stand-alone“ verwendet werden, wobei die aufgezeichneten Daten dann erst im Anschluss an das Training ausgewertet werden können. Alternativ kann dieser auch per Bluetooth mit einer der viel verbreiteten Fitness-Apps (z.B. Polar Beat) auf iOS- und Android-Telefonen verbunden werden oder einer kompatiblen GPS-Uhr und erhält so Echtzeitdaten während dem Training. Die Verwendung des OH1 ist nicht auf Polar Geräte beschränkt, im Test konnte der Sensor problemlos mit einer Garmin Fenix 5 und einer Apple Watch verbunden werden.

Aufladen, Aktivieren, Anlegen, Attacke!

Nach kurzer Ladezeit im mitgelieferten USB-Ladeadapter kann der OH1 sofort aktiviert werden. Neben einem Smartphone und der Polar Flow-App braucht es dazu weiter nichts. Einmal eingeschaltet verbindet sich der Sensor problemlos per Bluetooth mit meinem IPhone und ich muss nur noch angeben wo ich den OH1 tragen will – links oder rechts, Unterarm oder Oberarm.
Ich muss zugeben, ich weiß noch nicht so recht was ich von der Idee halten soll, schließlich verliert die optische Herzfrequenzmessung damit einen ihrer größten Vorteile – den Verzicht auf einen zusätzlichen externen Sensor. Sollen wir also wirklich Freunde werden, dann muss mich der OH1 schon im Einsatz überzeugen. Die erste Gelegenheit dazu bietet eine Mittagspause. Gemeinsam mit Kollege und Laufpartner Jürgen geht es auf unsere Gore Hausrunde. Um dem OH1 auch gleich mal so richtig auf den Zahn zu fühlen, trifft er schon bei unserem ersten Mal auf einen potenten Gegner. An meinem rechten Arm eine Polar M430 mit gekoppeltem OH1 Sensor, an meinem linken Arm eine Garmin Fenix 5 mit gekoppeltem HRM Run Brustgurt. Jürgen schmunzelt als er das „Versuchs-Setup“ an mir entdeckt, wundert sich aber nicht weiter – er kennt meinen Technik-Tick.

Der OH1 macht sich auf Anhieb gut am rechten Unterarm – kein Rutschen, kein Drücken. Im Gegensatz zum Brustgurt, den ich bei starker Belastung oft als einengend empfinde, nehme ich den OH1 während dem gesamten Lauf kaum wahr. Immer wieder vergleiche ich die angezeigte Herzfrequenz auf beiden Uhren und habe immer das Gefühl, dass beide Werte sehr nahe zusammen liegen – zwei bis drei Schläge Differenz, mehr nicht. An einem kurzen aber steilen Anstieg ist es Zeit für einen ersten Härtetest. Ich schieße Vollgas den Berg hoch und treibe meinen Puls in kürzester Zeit Richtung Maximum. Kurze Blicke an beide Handgelenke lassen mich staunen. Der OH1 scheint längst nicht so träge, wie die optischen Herzfrequenzsensoren die ich bisher getestet habe. Die anschließende Auswertung der Messdaten belegt meinen Eindruck während des Laufs – es gibt tatsächlich keine signifikante Abweichung zwischen OH1 und Brustgurt. Chapeau!

Schönwetter-Held oder echter Alles-Könner?

Das Wetter bei meiner OH1 Premiere war top! Ein Herbsttag wie aus dem Bilderbuch, mit strahlend blauem Himmel und angenehm milden Temperaturen – ein Traum für jeden Läufer und nach meinen bisherigen Erfahrungen auch für optische Pulssensoren. Am kommenden Wochenende soll der Wetterumschwung kommen. Kühl und nass, so lautet die Prognose.
Die Wettervorhersage behält Recht. Bei spätherbstlich kühlen Temperaturen und fiesem Regen steht einer meiner absoluten „Favoriten“ auf dem Trainingsplan – Treppenintervalle! Dabei geht es mit maximalem Speed gut 350 Stufen entlang der Rohrtrasse eines Wasserkraftwerks aus dem Leitzachtal hoch, nur um dann gemütlich wieder nach unten zu hopsen. Hoch, runter, immer wieder. Die Belastungsphase dauert nur eine gute Minute, dafür schießen Laktat und Puls in schwindelerregende Höhen. Bedingungen die optische Pulssensoren bisher disqualifiziert haben – während ich am höchsten Punkt meistens fast kollabiere und wild nach Luft japse, bescheinigten mir die optischen Sensoren regelmäßig eine Belastung im GA1-Wohlfühlbereich. Die Messungen waren einfach viel zu träge um den extrem schnellen Wechsel zwischen Maximalbelastung und Regeneration darstellen zu können. Kälte und Nässe verschlechterten die Ergebnisse nochmals deutlich.
Der Polar OH1 muss sich bei diesem Testszenario wieder im direkten Vergleich mit einem Brustgurt beweisen. Es geht hart zur Sache, zumindest für mich, denn schon während dem Training lässt mich der Blick auf beide Uhren erahnen, dass der OH1 auch diesmal nicht klein zu kriegen ist. Nach dem Training und einer heißen Dusche ziehe ich endgültig den Hut vor den Finnen. Die Auswertung der Daten zeigt wieder eine verblüffende Übereinstimmung der beiden Messungen. Nur minimale Verzögerungen sind beim OH1 erkennbar, kein Vergleich zum Datenschrott den ich bisher bei vergleichbaren Einsätzen von optischen Pulssensoren präsentiert bekam. Der OH1 hält was er verspricht und zwar nicht nur bei Laborbedingungen.

Wir sind Freunde

In puncto Genauigkeit und Einsatzspektrum ist der Polar OH1 ein echter Maßstab. Im knapp zweiwöchigen Test konnte ich den OH1 nicht einmal an seine Grenzen bringen. Ein Wermutstropfen bleibt die Tatsache, dass der OH1 eben doch wieder ein zusätzlicher Sensor ist. Der im Vergleich zum Brustgurt deutlich höhere Tragekomfort und die stark verbesserte Genauigkeit gegenüber vielen optischen Sensoren, machen den OH1 trotzdem zu einer lohnenden Alternative. Bis die Hersteller es schaffen vergleichbare Performance in eine GPS-Uhr zu integrieren wird mich der OH1 sicher noch auf vielen Kilometern begleiten.