26. August 2016

So weit die Füße tragen – Sondre Amdahl nimmt sich den Tor des Geants vor

Ultraläufer und GORE RUNNING WEAR® Athlet Sondre Amdahl trainiert derzeit für einen Ultra, der seinem Namen alle Ehre macht: der Tor des Geants (TdG) im italienischen Aostatal. Eine 330 Kilometer lange Strecke durch hochalpines Terrain, gigantische 24.000 Meter Höhenunterschied und ein Zeitlimit von 150 Stunden. Auf Sondres Weg zu dieser übermenschlichen Herausforderung liegt noch ein weiteres berühmtes Rennen: der TDS (Sur les Traces des Ducs de Savoie), ein Teilrennen des legendären Ultra Trail du Montblanc (UTMB®,) und immerhin stolze 119 Kilometer hochalpiner Trails. Kurz vor dem Beginn seiner Trainingsperiode im August haben wir mit Sondre über seine Vorbereitung, seinen Antrieb und die Limits eines Läufers gesprochen.

Der Tor des Geants wird wohl das anspruchsvollste Rennen deiner Karriere sein. Wie fühlst du dich angesichts dieser Herausforderung?

Sondre Amdahl: Der Tor des Geants wird definitiv das härteste Rennen sein, das ich je gemacht habe. Die hohen Bergen, die Distanz, das schwierigen Terrain – davor habe ich schon Respekt. Eigentlich vor dem ganzen Rennen, immerhin werde ich für vier oder fünf Tage am Stück dort draußen sein. Das ist schon verrrückt. Aber es ist auch ein großes Abenteuer und ich freue mich wahnsinnig darauf. Speziell darauf, die Trails inmitten dieser unglaublichen Berge zu durchlaufen.

Wie laufen die Vorbereitungen?

Sondre Amdahl: Mit dem Training läuft es ganz gut. Ich bin immer noch in Griechenland und es ist ziemlich heiß dort. Also mache ich hier kein dezidiertes Training für den Tor des Geants, ich absolviere einfach Geh- und Wandereinheiten. Es ist tatsächlich nicht viel mehr als Wandern was ich im Moment mache, denn auch beim Tor des Geants werde ich viele Gehperioden haben. Man kann schließlich nicht über vier oder fünf Tage durchrennen.

Du läufst den TDS®, hast den UTMB® bereits sehr erfolgreich gemeistert. Beide Rennen werden in einer sehr ähnlichen Gegend ausgetragen wie der Tor des Geants. Wie sehr wird dir deine Erfahrung dort beim TdG nutzen?

Sondre Amdahl: Der Tor des Geants ist wegen der großen Distanz und der zu überwindenden Höhenunterschiede einfach eine ganz eigene Liga. Beim UTMB® zum Beispiel ging es darum, über die ganze Renndauer richtig zu pushen. Du schläfst nicht und an den Verpflegungsstationen geht alles irrsinnig schnell, niemand verbringt dort mehr Zeit als unbedingt nötig. Beim TdG wird das ganz anders sein. Ich werde zwischendurch schlafen müssen. An den Verpflegungsstationen muss ich viel mehr Zeit einplanen, weil ich mich ausruhen und auch essen und trinken muss. Darauf kann man sich wahrscheinlich gar nicht richtig vorbereiten. Hier muss ich erstmal meine eigenen Erfahrungen machen.

Ist der TDS®, immerhin eines der legendären UTMB® Rennen, für dich nur der Weg zum Ziel oder immer noch eine eigene Herausforderung?

Sondre Amdahl: Der Tor des Geants stellt in der Überwindung von Distanz und Höhenmetern eine riesige Challenge für mich dar. Deshalb, auch wenn sich das komisch anhören mag, will ich den TDS® einfach als Training für den TdG sehen.
Der TDS® ist zwar kürzer als der bekannte UTMB®, den ich bereits vor zwei Jahren gelaufen bin. Aber er ist ein sehr technisches Rennen und damit eine gute Vorbereitung für den TdG. Das wird ein ziemlich harter Trainingsblock für mich. Von Mitte August an bin ich in Italien und laufe Teile der Tor des Geants-Trails. Das mache ich für etwa elf Tage, dann geht es für mich nach Chamonix für den TDS®. Nach diesem Rennen habe ich noch knappe zweieinhalb Wochen, bevor der Tor des Geants tatsächlich beginnt.

Es gibt anspruchsvolle Rennen, und dann ist da der Tor des Geants. Hier scheitern sehr erfahrende Läufer regelmäßig vor dem Zieleinlauf. Warum gerade dieses Rennen?

Sondre Amdahl: Der Tor des Geants ist meine persönliche große Herausforderung. Die Berge dort sind einfach nur fantastisch. Und inmitten dieser Berge möchte ich laufen. Gran Paradiso, Monte Rosa, Monte Cervino, oder Monte Bianco. Einer dieser Gipfel ist auf dem Kurs immer in Sichtweite.

Gleichzeitig weiß ich auch, dass mich während dieses Rennens viele schwierige Momente erwarten. Ich kenne das von anderen langen Ultratrail-Läufen wie dem UTMB® oder dem Marathon des Sables und bin, soweit man das sein kann, auch darauf vorbereitet. Der TdG ist wohl noch mehr eine psychische als eine rein körperliche Herausforderung. Der mentale Part ist das Schwierige. Du musst in der Lage sein, dich über diese lange Zeit immer weiter zu pushen. Obwohl dein Körper und Geist dir sagen: Ich will nicht mehr weiterlaufen, ich möchte schlafen. Mein Körper will zum Beispiel fünf Stunden Schlaf, aber ich muss ihm sagen: eine Stunde ist genug!

Mein Hauptziel ist es, das Ziel zu erreichen und zu sehen, wie und ob mein Körper die 330 Kilometer Strecke bezwingen wird.

Wie sieht deine Rennstrategie aus?

Sondre Amdahl: Klar geht es einerseits darum, mit den eigenen Kräften zu haushalten und am Anfang nicht zu schnell nach vorne zu preschen. Aber gleichzeitig ist es für mich entscheidend, dass ich in dieser ersten Rennperiode ordentlich Boden gut mache. Am Anfang ist man einfach noch frischer, der Geist ist noch wacher. Deshalb habe ich mir vorgenommen, die ersten 24 bis 30 Stunden des Rennens gar nicht zu schlafen und mir ab da nach und nach ein paar Stunden Schlaf zu gönnen. Und dann muss ich einfach weitersehen.

Wie sieht es mit deinem Equipment aus? Was nimmst du mit?

Sondre Amdahl: Mein Ziel ist es, so wenig Gewicht wie möglich zusammen zu bekommen – die Pflichtausrüstung habe ich natürlich dabei. Ansonsten ist es nicht ganz einfach, denn man braucht tagsüber in einer warmen Dorfsiedlung völlig andere Dinge als Nachts auf den Trails. Da schwankt das Thermometer schon mal zwischen 30 Grad am Tag und vier Grad nachts. Also habe ich T-Shirts, lange Unterhosen, meine ONE GORE-TEX® Jacke, Unterwäsche und Base Layers, Handschuhe und Kopfbedeckungen dabei. Für die Schneefelder weiter oben habe ich Steigeisen und Wanderstöcke. Und dann noch ein GPS-Gerät für die Route.

Was für ein Ziel hast du dir bei diesem Rennen gesetzt?

Sondre Amdahl: Ich habe zwar viel Erfahrung, aber der Tor des Geants ist etwas völlig Neues für mich. Also ist mein Hauptziel, das Ziel zu erreichen und einfach zu sehen, ob und wie mein Körper die 330 Kilometer Strecke bezwingen wird. Aber ich bin andererseits auch ein Mensch, der sich gerne misst. Wenn ich merke, dass es gut läuft, werde ich auf jeden Fall versuchen, unter die Top 20, Top 15 oder sogar Top Ten zu kommen.

Was motiviert dich, trotz Erschöpfung weiterzulaufen?

Sondre Amdahl: Da gibt es eine Menge Dinge. Manchmal denke ich einfach nur darüber nach, wie glücklich ich mich schätzen kann, inmitten dieser Berge zu laufen, dieses Rennen machen zu können. Und ich denke an meine Familie und meine Kinder und daran, dass ich bald die Chance haben werde, sie anzurufen. Ich setze mir außerdem immer kleine Ziele entlang der Strecke, zum Beispiel den nächsten Gipfel, die nächste Versorgungsstation, die nächste Etappe.

UTMB®, Marathon des Sables, Tor des Geants – in Distanz und Schwierigkeitsgrad deiner Rennen hast du dich kontinuierlich gesteigert. Aber wie lang und wie weit kann ein Läufer überhaupt laufen? Gibt es nicht so etwas wie ein Limit?

Sondre Amdahl: Nein, es gibt kein Limit. Da draußen wird es immer genug verrückte Leute geben, die die unglaublichsten Dinge tun. Menschen laufen durch Europa, durch die USA, rund um die Welt. Es gibt so viele Herausforderungen, denen man sich stellen kann. Mich zum Beispiel reizen die Wüste, der Regenwald, die Berge. Dort will ich mich und meinen Körper herausfordern.

Und wo wird deine nächste Challenge sein?

Sondre Amdahl: Mein nächstes Rennen ist die UIA World Trail Championship in Portugal Ende Oktober. Nach dem Tor des Geants muss ich definitiv mein Training auf Schnelligkeit umstellen, damit ich dort erfolgreich sein kann. Und nächstes Jahr werde ich ein paar Etappenrennen ähnlich dem Marathon des Sables machen. Aber dafür werde ich mir vermutlich eine Gebirgsregion aussuchen. Vielleicht in Südamerika? Mal sehen …

Wir halten euch natürlich über Sondres nächste Rennen auf dem Laufenden – hier in diesem Blog und im Athletenbereich auf unserer Website


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