21. September 2016

The Sweet Spot

Andere Gedanken werden ausgeblendet, alles was zählt, sind die 100 Meter vor mir. Für diese besonderen Augenblicke fahre ich Rennrad – ich erlebe sie auf jeder Tour.

Wenn du in der Stadt wohnst, laufen deine Rennrad-Ausfahrten sicher ähnlich ab wie meine. Erstmal fahre ich 10 bis 20 Minuten durch den Verkehr, um überhaupt an den Rand der Stadt zu kommen. Ich habe das Glück, im schönen München zu wohnen, und hier habe ich einige grüne Routen oder Abschnitte, wo ich auf der Straße im fließenden Verkehr mitschwimmen kann. Aber meistens ist es doch Stop-and-go, oder zumindest Randstein-rauf-Randstein-runter, also will man diesen Teil bald hinter sich bringen.

Jetzt kommen noch, sagen wir mal, 20 Minuten in einer Gegend zwischen Stadt und Land. Hier ist zwar schon fast alles grün, aber trotzdem noch relativ viel Verkehr. Also muss ich regelmäßig nach hinten schauen, und bin deshalb obenrum fast ununterbrochen in Bewegung. Oder ich habe das Glück, auf einem abgetrennten Radweg zu fahren, wo dann allerdings oft kleine Stöcke oder unübersichtliche Einmündungen lauern. Also heißt es wachsam sein. Wenn ich dann endlich auch diesen Abschnitt  verlassen habe, komme ich auf die kleinen Straßen. Dahin, wo ich eigentlich fahren will.

Radfahren wie Gott in Frankreich

Wenn ich die Enge der Stadt hinter mir gelassen habe und abseits der großen Ausfallstraßen bin, wird das Fahren entspannter. Die Wiesen und Felder werden weitläufiger, ich sehe mehr Horizont und mehr Berge. Nun weiß ich, dass er bald kommt, dieser besondere Augenblick. Ich komme auf eine Anhöhe oder biege aus einer Kurve, und es eröffnet sich ein Anblick wie dieser hier:

Muensing
Rafael unterwegs in Münsing, Bayern.

An dieser Stelle auf dem Foto führt die Straße gerade aus einem Waldstück, und ein Plateau tut sich vor mir auf. Kein Mensch, so weit das Auge blickt. Auf den nächsten fünf Kilometern werden mir vielleicht drei Autos begegnen, auch sie werden es nicht eilig haben, an ihrem Ziel anzukommen. Ein wunderbares Gefühl, an den frisch gemähten Wiesen und Feldern entlang zu fahren und ihren Duft einzuatmen! Dieses Bild bleibt wie ein Standbild bis zur nächsten Ausfahrt gespeichert.

Wenn ich jetzt noch richtig Glück habe, dann biegt vor mir ein voll beladener Heuwagen in meine Richtung ein und fährt mit 55 km/h die paar Kilometer bis zur nächsten Ortschaft. Was bedeutet, dass ich auch mit 55 km/h bis zur nächsten Ortschaft fahre. Die perfekte Kombination von ländlicher Idylle und Spaß am Speed. Und ich darf mir eine Minute lang vorkommen wie in der Ausreißergruppe der Tour de France zwei Kilometer vor dem Ziel.

In den Flow kommen

Meine Ausfahrten dienen ausschließlich dem Vergnügen. Neben dem Genießen der schönen Umgebung gibt es auch den körperlichen Wohlfühl-Faktor. Ich fahre ohne Trainingsplan oder ähnliches, und meistens bin ich dabei allein. Am Beginn der Ausfahrt, sobald die Beine richtig warm sind, höre ich deshalb in mich hinein, welches Tempo ich gehen will. Ich stelle mich auf den Rhythmus ein, versuche, gleichmäßig zu fahren. Vielleicht bin ich zu Beginn noch etwas unruhig, dann konzentriere ich mich einfach darauf, einen runden Tritt zu fahren. Ich bin allein mit meinen Beinen, sehe die Straße vor mir, höre meinen Atem und werde ruhiger. Inzwischen ist vielleicht eine Stunde vergangen. Auf eine Art ist das Rennradfahren sehr statisch, in dieser Phase fühle ich mich bewegungslos, als würde die Landschaft vorbeiziehen.

Furkelpass
Der Furkelpass lockt mit traumhafter Aussicht.

Andere Gedanken werden ausgeblendet, alles was zählt, sind die 100 Meter vor mir. Das ist übrigens auch der Moment, an dem ich froh bin um eine Brille, die nicht verrutscht, ein gutes Sitzpolster (und meinen geliebten Flite-Sattel!) und ein gut sitzendes Trikot, denn auch an solche Sachen will ich jetzt nicht denken müssen. Manche nennen diesen Zustand den Tunnel, ich finde das Wort „Flow“ ganz passend. Denn auch wenn man nicht mehr an die alltäglichen Dinge denkt, ist man ja nicht abgeschnitten von der Umgebung, die Sinne arbeiten trotzdem weiter. Ich spüre die Kälte im Wald, die wärmenden Strahlen in der Sonne, die Luft rauscht in den Ohren, und ich spüre den Asphalt in den Händen und Füßen. Dieses Gefühl sauge ich in mich ein: Das ist der Ausgleich zu meinen Tagen im Büro. In diesem Moment fühle ich mich – wie sagen sie so oft in den amerikanischen Filmen – großartig!

Irschenberg Panorama
Irschenberg-Panorama im Hintergrund!

Schönwetterradler? Wetterradler.

Am liebsten genieße ich das alles natürlich an sonnigen, angenehm warmen Tagen, an denen ich an Zusatzequipment vor allem etwas Geld für die Radlermaß auf dem Rückweg brauche. Aber auch den auf den ersten Blick hässlichen Tagen kann ich ihren besonderen Reiz entlocken. Mein Tipp: ein paar Tage vorher zum Fahren verabreden, dann stellt sich die Frage „soll ich oder lasse ich es bleiben?“ gar nicht erst, ich will ja meine Freunde nicht hängen lassen – oder gar zugeben, dass ich keine Lust habe! Also Zehen, Finger und Kopf ein bisschen wärmer eingepackt, und los geht’s. Ehe ich mich versehe läuft es schon wieder wie von selbst. Aber: Im Gegensatz zu den Schönwettertagen habe ich die Straße für mich allein. Ich habe eine diebische Freude daran, den Elementen zu trotzen. Dabei gewinne ich nicht nur gegen das schlechte Wetter, sondern auch gegen mich selbst. Ich gebe zu, dass ich jedesmal ein bisschen stolz bin. Aber vor allem einfach nur happy, dass ich auf dem Rad sitze.

Ride On
Rafael

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Rafaels Route …

Meine Favoriten für warme Tage:

Meine Favoriten für die Schlechtwetterfahrt:

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